Nicht der Süden


Inhalt

Filmarbeiten

Ach, sieben Wochen unterwegs?
Mit nem Schiff?
Island?
Arktis?
Für lau?
Noch besser? Sogar bezahlt werden dafür?
Na, das nenn ich ja mal nen Urlaub.
Ich war ja nicht im Urlaub... ich war ja eine Darstellerin einer Reisedokumentation. In meinem Vertrag steht nicht „Schauspielerin“, weil bin ich ja auch nicht, da steht, dass ich darstellerische Aufgaben zu erfüllen habe. Die darstellerischen Aufgaben sahen so aus, dass ich mich selbst darzustellen hatte. Sich selbst darzustellen ist ne blöde Sache, denn das versucht man ja sein lebenlang sowieso mehr oder weniger gut. Das blödeste daran ist, dass man keine Regieanweisungen dafür bekommt und sich darum alleine was zurechtlegen muß für seine Rolle. Meine Rolle habe ich mir so überlegt: ich bin lustig, außer wenn ich es nicht bin. Ich seh gut aus, außer wenn ich nicht gut aussehe. Ich bin klug, außer ich bin dumm. Mein Englisch ist lausig, nicht weil es lausig ist, sondern die Rolle ist eben so, das ist sympathischer. Ich bin tiefsinnig, außer ich bin besoffen. Ich bin sensibel, außer ich bin besoffen. Das lässt viel Spielraum, wenn genügen Alkohol zur Verfügung steht.
Bevor ich damit beginnen kann, mich darzustellen wird die Kamera gefragt, ob sie läuft. Die Kamera sagt: Läuft.
Dann wird der Ton gefragt, ob er läuft. Der Ton sagt: Läuft.
Dann sagt jemand: Und bitte!

Und sofort bin ich ganz ich. Ganz natürlich spreche ich in ein schwarzes Loch mir gegenüber, dass nächstes Jahr der Zuschauer sein wird, der mir gerade gegenüber sitzt und noch gar nix davon weiß, der vielleicht noch nicht mal das Sofa gekauft hat auf dem er mir nächstes Jahr gegenüber sitzt. Ich spreche mit der Zukunft. Ich bin ganz normal. Wir besuchen heute einen Mann, der was weiß, den wir was fragen. Wir fahren heute zu einem Ort, wo was ist, wo wir uns hinstellen und was sagen werden. Wir stehen hier vor der Toilette des Schiffs, quasie der Schiffstoilette und warten, dass Volker wieder herauskommt.
Ach so, wenn Volker nicht neben mir steht, muß ich ja gar nicht wir sagen. Das kommt an Verwirrung noch dazu, Ich gibt’s als Ich gar nicht mehr so richtig. Volker und das was ich mal war, wir stehen irgendwo, sitzen irgendwo und sind ein Wir. Wir fahren hierhin, wir fahren dahin, wir haben uns gefragt, wir haben nachgefragt... Volker sagt einmal, erst kommt Volker ins Bild, dann Volker. Niemand fragt nach. Ich auch nicht. Ich weiß ja, wen er meint. Volker und Volker. Der große und der kleine Volker. Der rothaarige Volker und der kurzhaarige Volker. Volker und nicht-der-Volker. Wir eben.

Die Kamera will von uns, dass man meine Gefühle sieht. Wenn man unsere Gefühle nicht sieht, dann muß ich sie sagen. Wir finden es sehr interessant in Island. Ozean ist ganz schön groß. Wenn ich uns verspreche, muß wir es noch mal sagen. Ich auch. Wir finden es sehr interessant in Island. Ozean ist ganz schön groß. Manchmal muß ich etwas darstellen, das schon Tage zurück liegt. Wie ging es mir denn an dem Tag? Wie ging es uns denn? Volker wie ging es uns denn? Ach, so. Ich bin sehr froh, dass wir endlich auf Faroer sind. Walfang finden wir schlimm. Weil es nicht überzeugend genug aussah, wie schlimm wir Walfang finden, muß wir Walfang noch mal schlimm finden. Dass ich froh bin auf Faroer zu sein, sagt sich super dahin, wenn man in Norwegen auf dem Flughafen steht. Wirklich? War ich froh, als wir endlich auf Faroer waren? Ja. Okay. Wir sollen Walfang noch mal aus einer anderen Kameraperspektive schlimm finden. Walfang finden wir schlimm, aber wir dürfen auch nicht immer nur von unserem Standpunkt ausgehen. Für die Faroerer ist das ganz normal. Und es ist auch Tradition. Wir haben immerhin ganz viele Juden umgebracht. Da darf man das nicht so eng sehn im Ausland. Aber wir haben immerhin damit aufgehört und die Faroerer die machen das immer noch... Ob ich das selbe in 5 Sekunden unterbringen kann? Klar. Walfang ist schlimm, aber es gibt schlimmeres. Und Danke!
Am Ende der Szene wird gesagt: Und danke.

Tag danach
Jetzt isses vorbei. Berlin ist voll gestellt mit Häusern und Leuten. Bäume werfen bedrohlich dustere Schatten. Überall ist was. Fahrräder sind so schnell, Kinder so laut. Sommer ist unerträglich heiß.
Wir stehen am Morgen danach auf und keine Kamera ist in der Nähe. Niemand will filmen, wie wir frühstücken. Wir wundern uns wo Volker ist. Wir wundern uns, dass der Schiffskoch kein Frühstück gemacht hat. Wir wundern uns, dass ich alleine bin. Wir wundern uns, dass die Kabine gar nicht schaukelt. Die Fenster sind eckig. Wir gehen zum Bäcker. Volker muß den Drehbeginn verpennt haben. Beim Bäcker müssen wir anstehen. Das kostet alles sinnlos Drehzeit. Außerdem ist dann sicher das Band voll, wenn wir dran sind und dann muß Bandwechsel gemacht werden mitten im Interwiev. Bin ich verkabelt?
Gleich bin ich dran. Die Verkäuferin gibt dem Mann vor mir seine Brötchen und sagt: Bitte. Mein Stichwort.
Wir stehen hier im Bäcker in Kreuzberg und werden gleich mit einer Verkäuferin über Brötchen sprechen. Guten Tag, unser Name ist Volker. Wie lange sind sie denn schon Verkäuferin? Aha. Wollten sie das schon werden als sie noch ganz klein waren? Nicht in die Kamera sehen. Einfach die Kamera ignorieren. Schauen sie uns an. Wieviele Brötchen verkaufen sie denn so am Tag?
Als man uns aus dem Laden schiebt, können wir noch ganz schnell und super professionell einen O-Ton eines Augenzeugen erfragen. Was sagen sie zu dieser Brötchenthematik? So einseitig kann man das ja nicht beleuchten.
Wir befragen danach die Frau an der Ampel. Wir stehen hier an der Ampel und sind verabredet mit Frau.... wie heißen sie? .... Wo gehen sie denn hin? Sie müssen doch noch die Einverständniserklärung unterschreiben und die Bildrechte abtreten. Danach befragen wir den U-Bahnfahrer und die Polizei zu der aktuellen Lage des Walfangs in Kreuzberg.
Auf der Wache sitzt Volker. Ah, wo waren wir denn? Fragen wir uns. Haben wir auch Interviews gemacht? Haben wir auch an Schnittbilder gedacht? Haben wir natürlich.
Der Polizist mahnt uns zur Ruhe. Er sagt genaugenommen: Wir sollen unsere Schnauzen halten.
Haben wir das auf Band fragen wir das unsichtbare Kamerateam.
Könnt ihr nicht endlich still sein, brüllt der Polizist. BITTE.
Unser Stichwort:
Wir sitzen auf der Wache und Kreuzberg und berichten live über...