Nicht der Süden


Inhalt

06 Sturm

Tagebuch Kirsten:

Da in dem kleinen Schiff die Wände rund und schräg sind, der Boden schief und krumm, wird alles sehr merkwürdig, wenn es noch dazu schaukelt. Ein Hundertwasserhaus ohne Farbe bei Erdbeben. Mein Bewegungsaperat ist zu Recht irritiert. Beim Überlebenstraining hat der Überlebenstrainer gesagt, dass man sich bei Seekrankheit einfach freuen soll, dass der Körper funktioniert, denn er tut das was seine Aufgabe ist: auf dich aufpassen, dich warnen und Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Situation vorschlagen z.B. Erbrechen.

Im Bullauge wechseln sich Horizont und Meer ab. In der Kabine fliegt alles herum. Ich nehme vorsichtshalber eine Seekranktablette und erst dann wird mir schlecht. Ist also eine super wirksame Seekranktablette. Im Schiff will ich nicht sein. An Deck geht es. Ich lagere mich hinter dem Monkey Island, an der Stelle des Schiffes die am wenigsten in Bewegung ist. Gleich einer Wippe ist hier der Drehpunkt. Direkt neben mir tuckert der Generator. Das ist beruhigend. Der weitere Tag ist wunderschön. Sonne. Beeindruckende Wellen. Irre Geräusche. Gischt. Möwen, die mit respekteinflößenden Flugmanöwern das Schiff begleiten. Nachdem ich die Position gefunden habe, in der es mir gut geht, bleibe ich da stundenlang und dämmere durch den Sturm. Ich bin ein Stück Fracht. Ich schlafe immerzu, esse Zwieback, lege mich bevor was hochkommen kann, schnell wieder hin und schlafe. Ich träume Musikvideos mit Musik, die ich nicht kenne. Der Rhythmus ist immer das Tuckern des Generators. Als ich mal wach werde, liegen Florian und Tim in der Nähe. Irgendwann wendet das Schiff, weil es ein sinnloses Ankämpfen gegen die Wellen ist. Wolfgang sagt, wir sind den ganzen Tag über nur 40 Kilometer vorwärtsgekommen mit unsagenhaften 2 Knoten. Beim Wenden geht der große Fischkescher über Bord. Einfach so. Rumpelklapper, weg isser. KESCHER ÜBER BORD! Das tut mir in der Seele weh, denn ich habe den ganzen Tag auf diesen Fischkescher gekuckt. Dabei habe ich mir schöne Sachen überlegt: der Fischkescher ist ein Gedankennetz und so...

Vielleicht hat der Fischkescher sogar noch einen Fisch gefangen beim Herabtrudeln auf den Meeresboden. Das wäre doof für den Fisch. Wenn ihn andere Fische nicht durch die Netzmaschen versorgen, muss er eingehen. Ich habe da stundenlang drüber meditiert. Überhaupt hat sich das Mitnehmen meiner Yogamatte schon für diesen Tag gelohnt, denn es liegt sich gut dadrauf rum. Ich habe lange Shawasana gemacht

Tagebuch Volker:

Ich habe immer davon geträumt, zur See zu fahren. Inzwischen weiß ich auch, dass ich die See nicht nur liebe, sondern auch vertrage. Gestern sind wir in einen Sturm geraten. Bei strahlendem Sonnenschein hatten wir Windstärke 9, in den Spitzen 10, die Wellen schaukelten sich immer weiter auf und ließen unsere Arctic Janus tanzen. Einmal stand ich auf dem Peildeck (das ist das Dach der Brücke), breitbeinig, beide Hände ins Geländer gekrallt, weil es mich sonst entweder umgeweht oder umgeschleudert hätte und sah den Bug kurz untertauchen und sich danach zum Himmel erheben, dass ich das Gefühl hatte, wir müssten hintenüber kippen, bevor er wieder nach unten in ein Wellental vor uns krachte. So ein Meer ist kein Müggelsee!

Mir wurde nicht übel und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Es hat fast alle erwischt und einige richtig schlimm ... und sie sahen zum Gotterbarmen aus.Aber keiner von uns hatte Angst. Irgendwie vertraut man diesem Schiff. Und mir ist das herumtorkelnde Boot sowieso tausendmal lieber als die leichteste Ruckelei, wenn ich in einem Flugzeug sitze. Schiffe können nicht abstürzen.